Treffen des Gildenschaftskreises Nord in Bad Fallingbostel

Die Sonne versteckte sich zwar an diesem Tag hinter einer grauen Wand, und dennoch hatten wir schon gleich bei einem gemeinsamen Spaziergang am Rande von Bad Fallingbostel Freude an den noch immer schönen herbstlichen Farben. Das Mittagessen im gastlichen Haus „Utspann“ leitete über zu der ersten Hälfte eines Referates über das Leben und das Werk der Heideschriftstellers Hermann Löns (1866 bis 1914). Auch wenn es in Deutschland viele Denkmäler und auch Schul- und Straßenbenennungen nach Hermann Löns gibt, so scheint er doch in letzter Zeit mit seinem Werk unverdient mehr und mehr in der Versenkung zu verschwinden. Der Referent verstand es meisterlich, uns seine Herkunft, seine Ausbildung, seine verschiedenen beruflichen Stationen und auch seine Partnerschaften bis hin zu seinen problematischen Einstellung vor Augen zu führen, Aspekte, die ihn gerade in den neueren Medien in einem eher negativen Licht erscheinen lassen. Davon zu unterscheiden ist jedoch sein meisterliches Werk, seine Romane und Kurzgeschichten und auch sein Wirken zum Schutz der Natur und insbesondere der Heide. Deshalb hatte die seinerzeit neu gegründete Gilde Hannover auch den Namen „Hermann Löns“ angenommen.

Die Heide konnten wir dann mit einer Kutschfahrt selbst bewundern. Bespannt mit 3 rheinischen Kaltblütern brachte uns das Gefährt bis kurz vor das Denkmal und die Grabstelle von Hermann Löns. Eine kleine Wanderung dorthin, wo uns nicht nur die Fortsetzung des Referates über Löns Tod und die Geschichte seiner Grablegung fesselte, sondern auch die Heide- und Wachholderlandschaft begeisterte.  Auf der Hin- und Rückfahrt wie auch am Grab selbst sangen wir eine ganze Reihe von Löns Liedern, was die Fußgänger, weil wohl nicht mehr so häufig vorkommend, am Rande der Straße sehr überrascht aufnahmen.

Wieder im „Utspann“ angekommen, konnten wir uns bei Kaffee und Kuchen aufwärmen und weiter zum Werk von Hermann Löns mit einigen Zitaten, insbesondere aus seinem Roman „Mümmelmann“ hören.

Das Treffen klang aus mit einem allseitigen Dank an den Ausrichter des Treffens und dem aus dem Herzen kommenden Lied „Wieder einmal ausgeflogen, wieder einmal heimgekehrt, fand ich doch die alten Freunde und die Herzen unversehrt“. Und noch auf der Heimfahrt ging uns der auf dem Denkmal eingemeißelte Spruch des Heidedichters durch den Sinn:

Lass Deine Augen offen sein,

Geschlossen Deinen Mund

Und wandle still. So werden Dir

Geheime Dinge kund.

Erstes Regionaltreffen Südwest in Baden-Baden: Allerlei Impressionen plus viel gute Laune

Es passte an diesem Oktobertag, vom Wetter abgesehen, fast alles. Die Premiere des Regionaltreffens Südwest der Gilde in der schönen Kurstadt Baden-Baden fiel ausgerechnet auf das Eröffnungswochenende der zweifellos bedeutenden Impressionismus-Ausstellung „Max Liebermann und seine Zeit“.

So trafen sich denn im Oktober Gildenschafter aus dem Badischen und der Pfalz im Museum Frieder Burda und besichtigten im Zuge einer exklusiven Gruppenführung die Schau, die insgesamt über hundert Werke aus über 60 nationalen wie internationalen Sammlungen vereint. Dabei stehen Bilder der „großen Drei“ des deutschen Impressionismus, neben Liebermann Lovis Corinth und Max Slevogt, im Mittelpunkt, ergänzt um weitere bemerkenswerte Künstler wie Maria Slovona, Lesser Uri, Sabine Lepsius, Fritz von Uhde, Dora Hitz oder Philipp Franck.

Anschließend spazierte die spätestens jetzt kunstbeseelte Gruppe bei nunmehr strömendem Regen im wunderschön angelegten, von prächtigen Hotels und anderen repräsentativen Bauten gesäumten Kurpark ostwärts, immer der Oos entlang. Ziel waren das schon von den Ausmaßen her eindrucksvolle Kloster Lichtenthal und das dortige „Café Lumen“. In dessen gemütlichem Gewölbekeller stärkte man sich bei bester Laune und leckeren kleinen Mahlzeiten, Kuchen und Getränken und vertiefte im regen Gespräch den Austausch, der zum Teil ein Kennenlernen war. Die Zeit verging schnell, für manch einen sicherlich zu schnell.

Bevor sich der Kreis, der weitgehend aus der Karlsruher Gilde „Westmark“ sowie der Freiburger Gilde „Balmung“ bestand, wieder trennte, gab es noch etwas geistige Kost: In der Klosterkirche stand ein Vortrag über die reiche Geschichte dieses Zisterzienserklosters an, mit profunden Ausführungen zu den Markgrafen von Baden und der badischen Landesgeschichte.

Der Abschied war mit dem eindeutigen Wunsch verknüpft, spätestens im Frühling 2026 wieder zu einem Regionaltreffen Südwest zusammenzufinden.

Akademische Gildenschaft Österreichs: Ganzheitliche Themenvielfalt am Wolfgangsee

Nach jahrelangem Werben mit einem der schönsten Punkte Mitteleuropas, dem West-„Winkel“ des Wolfgang- oder Abersees im salzburgisch/oberösterreichischen Salzkammergut, gelang es dort heuer, eine besonders ansehnliche Gruppe – nach Anzahl, Alter, Ausbildungszweigen, Lebenserfahrung und Bewahrung bündischer Lebensart – zu vereinen.

Überraschenderweise fanden Mitte Oktober alle diese Zugvögel einen Platz an einer großen Tafel am Wolfgangsee. Durch die Fenster eines der beiden Erker hinaus bot sich der Blick auf den besonnt-spiegelnden See vor den fernblauen, bis auf über 2000 Meter aufragenden Bergen.

Zum Frühstück am Freitag entstiegen die einen aus dem jeweiligen warmen Pfuhl oder zerstrampelten Federbett – einer sogar aus dem trinkwasserklaren frischen See … Den Reigen der thematisch weit gespannten Vorträge und Diskussionen wurde eröffnet mit der Erläuterung wesentlicher Gedankengänge des fast vergessenen kommunistischen Vordenkers und Philosophen Nikolai Alexandrowitsch Berdjajew (1874 geboren in Obuchowo bei Kiew – 1948 verstorben in Clarmart bei Paris). Dieser stand gegen die feudale russische Gesellschaftsordnung auf und wanderte umgehend für drei Jahre in die Verbannung. Zurückgekehrt setzte er sich weiter mit dem Marxismus auseinander, bis er Neukantianer wurde und nun Lenin kritisierte. 1919 begründete Berdjajew auf der Suche nach einem Bindeglied zwischen Orthodoxie und Marxismus die „Freie Akademie für Geisteskultur“ in Moskau.

1922 wurde er aus der UdSSR ausgewiesen, ging nach Berlin, traf u.a. mit Oswald Spengler zusammen und gründete die „Religionsphilosophische Akademie“. Besonders die Hervorhebung der schöpferischen Freiheit beim sich Einrichten in der Realität der Natur dürfte die Jugend der damaligen Aufbruchszeit (Stichwort Hoher Meißner 1913) angesprochen und fortgewirkt haben. Berdjajews Kritik am Bürgertum und der technologiegläubigen modernen Zivilisation ganz allgemein hat er mit dem Wandervogel, der Lebensreformbewegung, der Bündischen Jugend und den Akademischen Gilden, aber zum Beispiel auch mit der „Weißen Rose“ gemeinsam. Der Mensch befinde sich im Spannungsfeld zwischen den Vorgaben von Materie, Natur und Technik und der über alles anzustrebenden Freiheit des Geistes, so sein Credo.

Dafür machte sich Berdjajew auf allen Seiten Feinde: Die russischen Kommunisten lehnten seine freiheitlichen Ansätze ab und brandmarkten ihn als „liberalen Überläufer“ (Lenin). Aber auch die römisch-katholische Kirche, auf streng-antikommunistischem Kurs, wandte sich strikt gegen ihn, da er sich tolerant nicht nur gegenüber der Orthodoxie zeigte, sondern gegenüber alle möglichen Kirchenorganisationen und auch Landeskirchen. Der Nationalsozialismus – in Vorbereitung auf seine weltumspannende Auseinandersetzung mit dem „Bolschewismus“ – stufte Berdjajews Denken als gefährlich probolschewistisch ein und verbot kurzerhand dessen Werke.

Nach 1945 war der Philosoph Berdjajew fast vergessen. Erst um 1990 lockerte sich auch im Osten (vorübergehend) die ideologische Verkrampfung und ermöglichte die Wiederbeschäftigung mit dessen Persönlichkeit und Ideen.

Hat unsere Gemeinschaft einen treffenden Wahlspruch, wurde anknüpfend an die Ausführungen gefragt – und daraus der Vorschlag formuliert: „Freiheit – Persönlichkeit – Schöpfertum“. Alternativ wurde für „Freiheit – Charakter – Innovation“ plädiert. Daraus entspann sich eine angeregte Wechselrede.

Am nächsten Morgen erfolgte ein Vortrag zum Thema Wasserversorgung und nachhaltige Wasserwirtschaft. Dieser stellte und beantwortete eine Reihe von Fragen: Was ist der Mindestbedarf an Wasser? Was bedeutet die Forderung nach jederzeitigem Zugang für alle? Wie geht Bedarfsmessung? Was sind potentielle Schadstoffe – und in welcher Dosierung?

Die Menge an nun folgenden Informationen hat den Berichterstatter (und nicht nur diesen) schwer beeindruckt, aber zugegebenermaßen auch überfordert. Der Vortrag war ein völlig unaufgeregtes, aber beeindruckendes Erlebnis und alles andere als „trockene“ Wissenschaft! Doch auflockerndes Tellerklappern hob schlussendlich den allgemeinen Bann der Nachdenklichkeit auf und erinnerte an das bis dato nur schlummernde Hungergefühl.

In Vorfreude auf unseren nächsten Vortrag brach gegen Abend eine übermütige Welle passender Wandervogellieder los. Im nächsten Vortrag wurde nun in wirkungsvoll-offiziellen Bildern und noch eindrucksvolleren persönlichen Erinnerungen aus der Zeit von 2005 bis 2023 Sankt Petersburg vorgestellt – von Peter dem Großen und Zarin Katharina II. bis zum Sturm auf das Winterpalais am 7. November 1917, der 872-tägigen Belagerung durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg bis zu den Spekulationen um den Verbleib des Bernsteinzimmers und schließlich die Folgen des Ukrainekrieges unserer Tage.

Der letzte gemeinsame Morgen versammelte wieder alle an der großen Frühstückstafel. Müde vom vielen Sitzen, Zuhören und Mitdenken sollte der Ausklang eines wunderbaren Wochenendes im Sinne der Ganzheitlichkeit unter den Vorzeichen von Gemütlichkeit, Entspannung und aufkommender Vorfreude auf das nächste Treffen der österreichischen Gildenschafter stehen.

Norddeutscher Gildentag: Sagenhaft und schaurig-schön

Die Kieler und die Hannoveraner Gilde wählten dieses Jahr den Harz zum Treffpunkt ihres Gildentages, der September in Bad Grund stattfand. Auch die Hamburger waren mit dabei, womit sich „der Norden“ im Hinblick auf unsere organisierten Gemeinschaften vollständig vertreten sah.

Am Freitagabend begann unser Zusammensein mit gemütlichen Gesang im Wintergarten der Unterkunft, begleitet von Gitarre und Geige. Am Sonnabendmorgen erfuhren die jungen und junggebliebenen Teilnehmer bei der Morgenfeier, dass es in Bad Grund einen der berühmten Zwergenkönige des Harzes gab, Hübich, der den Armen hilfreich zur Seite stand. Außerdem berichtet die Sage von riesenhaften wilden Männern, deren Nachfahren in der Gegend als Köhler und Waldarbeiter ihr Dasein fanden. Am Vormittag wurden wir anschaulich durch eine der Iberger Tropfsteinhöhlen des Höhlenerlebniszentrums in Bad Grund geführt und lernten, dass sich hier vor 385 Millionen Jahren ein Korallenriff befand, das damals so weit im Süden lag wie heute Madagaskar. Anschließend wanderten wir nach Wildemann, und einige Mutige sprangen auf dem Rückweg ins kühle Wasser eines Steinbruchs.

Ein Wochenendtreffen ist eigentlich immer zu kurz, und so war schon sehr bald der Bunte Abend da. Da wurde zum Tanz aufgespielt und später beim Spiel „Top 10“ viel gelacht. Am Sonntagmorgen gaben wir Mendelssohns vierstimmiges Chorstück „Abschied vom Walde“ zum Besten und reisten dann gedanklich gemeinsam, einem Vortrag folgend, ausgehend von der Entstehung des Harzes durch die Erdgeschichte: Kollision von Gondwana und Laurussia, Meeresüberflutungen, heißes Wüstenklima, Vulkanausbrüche… und am Ende riesige Eisschollen, die die Berge entstehen und wieder zerbröseln ließen.

Eingedenk solcher apokalyptischer Naturgewalten freut man sich, dass es den Harz, sagenhaft und wunderschön, noch immer gibt. Und er wird bestimmt auch noch da sein, wenn wir uns im September nächsten Jahres zum Norddeutschen Gildentag wiedersehen!

 

„Wer unseren Bund betrachtet, muss Wimmelbilder mögen“ 36. Bundestag der Deutschen Gildenschaft in Bad Kissingen

Im Juli 2025 fand der Bundestag der Deutschen Gildenschaft in Bad Kissingen statt: rund 125 Teilnehmer aus vier Generationen, und niemand wird gezählt haben, zum wie vielten Mal eigentlich.

Freitagabend versammelten wir uns ums Bundesfeuer, gedachten unserer Verstorbenen und stimmten uns auf das Thema unseres Bundestages ein: „Zusammenhalt und nationales Selbstverständnis in Deutschland“. Die Feuerrede hatte das Thema der vielen evangelischen Theologiestudenten, die den Gilden der Zwischenkriegszeit angehörten. Dass einige es mit dem Deutschen Christen hielten, wusste man; dass anscheinend jedoch deutlich mehr zur Bekennenden Kirche standen, noch nicht so lange. Die Gildenschaft lasse sich historisch nicht so eindeutig verorten, wie manche es gerne hätten. „Dies gilt für jene, die unseren Bund allzeit schlecht reden, genauso wie für jene, die seine Geschichte zu rosig, geradezu kritiklos sehen. Wer unseren Bund betrachtet, muss Wimmelbilder mögen“, so ein Zitat aus der Feuerrede.

Den Ton für den Bundestag setzten im doppelten Wortsinn zugleich jene Bundesgeschwister und Gäste, die bis weit nach Mitternacht am verglimmenden Feuer die vertrauten Lieder sangen.

Samstag früh wurde zur Morgenfeier eine andere Seite unserer jugendbewegten Herkunft ins Gedächtnis gerufen: das Wandern als „eine stille Form des Respekts. Gegenüber der Natur, gegenüber sich selbst – und auch gegenüber dem anderen. Denn auf einem Wanderweg gibt es kein Drängeln, kein Gegeneinander“, wurde besonders eine Seite dieses in unseren Reihen gepflegten Erbes herausgestellt.

Um Zahlen und Fakten ging es anschließend beim ersten Vortrag. Wie viel Heterogenität verträgt eine Gesellschaft, wie viel Homogenität braucht sie? Wie lässt sich ein verbindendes Nationalbewusstsein fördern? Das waren Kernfragen, die uns durch den inhaltlichen Teil des Bundestags begleiteten. INSA-Chef Hermann Binkert aus Erfurt trug demoskopische Befunde zum nationalen Selbstverständnis und Zusammenhalt in Deutschland vor. Es sind das Grundgesetz und die deutsche Sprache, die für sehr breite Mehrheiten am allerwichtigsten für den Zusammenhalt sind. Und vor allem die Achtung des Grundgesetzes, Heimat und Nationalität sind es, die Befragte mit der deutschen Staatsangehörigkeit verbinden, so einige zentrale Ergebnisse aus den Datensätzen.

Der Nachmittag gehörte Wanderungen in die Natur oder in die Stadt Bad Kissingen mit viel Gelegenheit zum Gespräch, bevor sich der Bund zum Festabend in einem der neuen Säle des gerade fertiggestellten und beeindruckenden Erweiterungsbaus versammelte. Es handelt sich, dies sei am Rande vermerkt, um den „dritten großen Meilenstein in der Geschichte des Heiligenhofs – nach dem Erwerb 1952 und dem Bau des Seminarhauses 2002“, wie es Hausherr anlässlich der öffentlichen Übergabe wenige Tage später ausdrückte.

Zum Gelingen des Abends trugen viele Bundesgeschwister durch anspruchsvolle und kurzweilige musikalische Beiträge oder Kabarettistisches genauso bei wie die Musiker und das vom Heiligenhof gestellte Buffet. Zu den Bildern des Abends, die haften bleiben, gehören die zum Buffet sausenden, zahlreich mitgekommenen Kinder unserer jüngeren Bundesgeschwister und Gäste.

Der Sonntag begann für rund 30 Bundesgeschwister und Gäste mit einer Morgenandacht. Zum Morgensingen versammelte sich wieder der gesamte Bund.

Die anschließende Akademische Feierstunde beinhaltete eine Premiere der besonderen Art: Ein Projektchor sang die von Johannes R. Becher getextete und von Hanns Eisler komponierte DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“. Dieser Auftritt darf getrost als die Überraschung des 36. Bundestages in die Annalen der Deutschen Gildenschaft eingehen. Eine allerdings wohlbegründete Überraschung, denn der Titel des folgenden Festvortags knüpfte an folgende Zeilen aus dieser Hymne an: „Lass uns Dir zum Guten dienen / Deutschland, einig
Vaterland“.

Der Festredner, der in Ost-Berlin aufgewachsene Hauptstadtjournalist und Theodor-Wolff-Preisträger Ralf Schuler, hatte seinen Vortrag unter die Überschrift „Deutschland (un)einig Vaterland: Was hält uns zukünftig noch zusammen?“ gestellt. Schuler betonte die herausragende Bedeutung der Meinungsfreiheit und der Migration für sein Thema: „Meinungsfreiheit ist entscheidend dafür, dass wir uns auf ein gemeinsames Verständnis von Zusammenhalt einigen können. Migration ist entscheidend dafür, was genau dieser Zusammenhalt sein könnte und wer überhaupt mit wem zusammengehalten werden möchte. Es ist ein Unterschied, ob ich einer Schicksalsgemeinschaft und, vielleicht sogar noch wichtiger, einer Geistesgeschichte seit Generationen angehöre oder unvermittelt in diese Debatte zum Mitreden eingeladen werde“, sagte er.

Wie schon am Vortag schloss sich auch diesem meinungsfreudigen Festvortrag eine lebhafte Debatte an. Sie zeigte, dass auch die Mitglieder der Deutschen Gildenschaft im Spannungsfeld Migration, Integration, Zusammenhalt und Nation mitnichten zu gleichen Befunden und Schlüssen kommen. Unser Bund ist insoweit ein Spiegelbild der Gesellschaft. Nach der Akademischen Feierstunde versammelten sich die Teilnehmer dann zur Schlussrunde. Es war vielfältiger Dank für einen allgemein als gelungen eingeschätzten Bundestag abzustatten, zu dem sehr viele ihren Teil beigetragen hatten. Wie jede gute Veranstaltung war er ein Gemeinschaftswerk. Und dann hieß es: „Wieder einmal ausgeflogen, wieder einmal heimgekehrt…“

„Die Bauern wollten Freie sein“ – 64. Gildentag der Trutzburg Jena zu Göttingen

„Die Bauern wollten Freie sein, das wollt ihnen schlecht gelingen…“. So heißt es in einem der Lieder zum sogenannten Bauernkrieg von 1525, die zum 64. Gildentag der Trutzburg Jena zu Göttingen in Fürstenberg/Weser gesungen wurden. Diesmal aus besonderem Grund, denn dieses Ereignis, das vor 500 Jahren Ende April und Anfang Mai blutig kulminierte, stand inhaltlich im Mittelpunkt des Gildentages.

Mit der Zusammenkunft vom 25. bis 27. April gelang den Organisatoren nicht allein terminlich eine Punktlandung, sondern vor allem inhaltlich. Hierfür wurden vier Arbeitsgruppen vorbereitet. So bekamen die Teilnehmer Gelegenheit, sich mit dem programmatischen Schlüsseldokument des Bauernkriegs, den „Zwölf Memminger Artikeln“, und den theologischen wie politischen Positionen der bekanntesten Antipoden dieses Aufstands auseinanderzusetzen: Martin Luther (1483-1546) und Thomas Müntzer (1489-1525). So wie die Reformation der Erhebung der Bauern ein programmatisches Fundament verschaffte, so sehr beeinflusste die Reaktion dieser grundverschiedenen Reformatoren den Gang der Ereignisse 1525 und auf Jahrhunderte die Kirchengeschichte.

Der Tübinger Neuzeithistoriker Prof. Dr. Franz Brendle traf mit seinem Festvortrag „Der deutsche Bauernkrieg und die Reformation“ auf ein wohlvorbereitetes und aufmerksames Publikum. Auf gekonnte Weise verknüpfte Brendle die sozial-, wirtschafts- und rechtsgeschichtlichen Gesichtspunkte mit den theologischen und dem Ablauf der Ereignisse selbst. Der Vortrag wird in einer der nächsten Ausgaben der Blätter der Deutschen Gildenschaft dokumentiert.

Das sonnige, nicht zu heiße Wetter begünstigte, was die Göttinger Gildentage auch sonst von jeher prägt: Im nahegelegenen Reiherbachtal lernten die gut 40 nach Fürstenberg gekommenen Gildengeschwister und Gäste das Eichen-Hutewaldprojekt im Naturpark Solling-Vogler kennen. Exmoorponys und Heckrinder weiden in diesem von den Niedersächsischen Landesforsten betreuten Areal.

Zur Morgenfeier am Samstag wurde – zum Thema und zur Epoche passend – an den Schuhmacher, Dichter und Nürnberger Meistersinger Hans Sachs (1494-1576) erinnert, dessen umfassendes Werk unter anderem Johann Wolfgang v. Goethe und Richard Wagner rezipiert haben. Sonntag früh wurde dann der Dichter, Literaturwissenschaftler, Juristen und Politiker Ludwig Johann Uhland (1787-1862) vorgestellt, der unter anderem Mitglied des Paulskirchenparlaments (1848/49) gewesen ist. Nicht allein in diesen Momenten der Besinnung, sondern auch sonst immer wieder waren die Gildner und ihre Gäste im Gesang vereint.

Von alten Göttern, bunter Gemeinschaft und kulinarischen Genüssen – Bericht vom 12. Regionaltreffen Nord

Es war nicht leicht, einen Überblick zu bekommen über die ganzen wuselnden Kinder und Familien, Jung- und Altgildner. Am Ende waren es fast 40 Gildner und Freunde der Gilde, die sich am 22. März auf den Weg in den hohen Norden gemacht hatten in das einstige  Wikingerzentrum Haithabu an der Schlei. Vor uns lag ein vielfältiges Programm, das uns nicht enttäuschen sollte.

Die Sonne war uns hold und so zog es die Gemeinschaft bei schönstem Frühlingswetter mit echter norddeutscher Brise zunächst einmal die  Feldwege entlang hinaus ins Grüne. Hier konnte erster Redebedarf gestillt werden, bevor auch der Magen dank „feinheimischen“ Essens im Odins-Restaurant zu seinem Recht kam.

Gut genährt, erwartete uns eine mehr als gelungene Führung durch das Wikingermuseum Haithabu: fachkundig und informativ, dabei  zugleich so mitreißend, dass Alt wie Jung nebst dem Museumsführer selbst ein wenig die Zeit vergaßen. Aber es gab ja auch einfach viel zu sehen, zu erzählen und zu erfragen. So wurde die anschließende Wanderung zur einige Kilometer entfernten Wikingerschänke eher ein Erlebnis für sportorientierte Wanderer (ist der stramme Schritt über die Wikingerwälle das eigentliche „nordic walking“?), und manch einer stieg dann doch lieber in das neumodische Kraftfahrzeug.

Zugegeben: In einer Wikingerschänke Butterkuchen zu mampfen, kann zu Irritationen führen. Zumindest, wenn man es nicht gewohnt ist, dass vor seinem Fenster immer wieder sonderliche Recken mit Schwertern und Äxten flanieren. Und ja: lange Tischreihen mit Fellen auf den Bänken und Schildern an den Wänden muss man erst mal für sich einordnen – ob nun als irgendwie doch etwas überzeichnete Eventisierung oder als rustikale Gemütlichkeit; das Singen funktionierte hier jedenfalls ganz ausgezeichnet. Und als wir dann am Kaminfeuer dazu den  einfühlsam vorgetragenen nordischen Göttersagen lauschen durften und von einem Schwertkampfmeister manch Wissenswertes über die Waffen und Lebensart der nordischen Vorfahren erfuhren, wurde endgültig klar, dass dies ein lohnenswerter Besuch war.

Viel zu schnell vergingen die Stunden, und es bleibt die Freude auf ein baldiges Wiedersehen beim nächsten norddeutschen Regionaltreffen!

Wachsen und Hoffen – Semesterrückblick der Göttinger Aktivitas

Ob der Winter wohl noch einmal Einzug hält? Zur Zeit dieses Rückblicks unserer Trutzburger Aktivitas auf das vergangene Wintersemester verheißen die Tage mit ihren vielen Sonnenstunden und dem immer vernehmlicheren Gesang von Rotkehlchen und Singdrosseln jedenfalls schon einen Hauch von Frühling. Auch die im Herbst gepflanzten Krokusse schieben sich beinahe hörbar an die Oberfläche.

„Wachsen und Hoffen“ – mit diesen Begriffen könnte man das Wintersemester 2024/25 bilanzieren. Zunächst einmal ist hervorzuheben, dass das Gildenheim durch mehrere Baueinsätze noch wohnlicher geworden ist. Erfreulich auch: Das umfangreiche Semesterprogramm unter dem Motto „Göttingen“ konnte, mit Ausnahme kleinerer Änderungen, wie geplant durchgeführt werden.

Besonders schön war die Adventszeit mit eigenem Tannenbaum, geschmücktem Gildenheim und einem spontan geplanten kleinen Julklapp. Nicht unerwähnt bleiben sollte auch die Herbstfahrt zur Burg Greifenstein im Oktober, der Besuch des Johanniskirchturms und der Vortrag unseres Gildenbruders Ketscha über „Jugendbewegtes Singen“.

In diesem Sinne sehen wir dem Frühling entgegen und danken herzlich allen Gildengeschwistern, die uns im letzten Wintersemester begleitet und unterstützt haben!

 

 

Treffen des Regionalkreises Nord im Oktober 2024

Niedersächsische Kulturgeschichte im Freilichtmuseum am Kiekeberg
11. Treffen des Regionalkreises Nord, 19. Oktober 2024

Am nördlichen Rand der halb entlaubten Schwarzen Berge treffen wir uns an einem wechselhaften Samstagvormittag Mitte Oktober. Nachdem wir einander, im Eingangsgebäude des Museums vor dem nassen norddeutschen Herbstwetter geschützt begrüßt haben, beginnt schon bald unsere Führung über den älteren Teil des Geländes. Wir besichtigen ein Fischerhaus, das aus Drage ins Freilichtmuseum kam und zwei Hofstellen mit angrenzenden Wirtschaftsgebäuden aus Marsch und Heide. Während wir auf den gestampften Lehmböden der zweiständigen Niedersachsenhäuser stehen, wird unser Wissen über die Wohn- und Lebenssituation im ländlichen norddeutschen Raum der letzten dreihundert Jahre angeregt. Wir denken, hören und sprechen von vielen Eigenarten, die diese Hallenhäuser mitbringen; vom Wohn- und Stallraum mit Erntelager unter einem Dach, von offenen Feuerstellen und von den Vorzügen des Anerbenrechts.

Das Museum wird in den 1950er-Jahren als Außenstelle des Hamburger Helms-Museums mit dem Ziel gegründet, Zeugnisse ländlichen Lebens aus Lüneburger Heide und Elbmarsch für Besucher begehbar und verständlich darzustellen und in einer Zeit von großen strukturellen Veränderungen auf dem Lande materielle Kulturgeschichte zu bewahren. Zu diesem Zwecke wurden vor allem bis in die achtziger Jahre über 40 historische Gebäude, überwiegend aus Orten im Landkreis Harburg, in das Kiekeberg umgesetzt. Aus ihrem Wirkungszusammenhang gerissen und in einem dörflichen Ragout neu angeordnet, konnte damit doch auch vieles vor Verwahrlosung und Abriss gerettet werden. Mit den Jahren wurde die Museumspädagogik ein immer wichtigeres Standbein, sodass heute wohl den meisten Kindern im Süden von Hamburg durch Kindergarten- oder Schulausflüge „das Kiekeberg“ bekannt ist. Nach zwischenzeitlicher Trägerschaft durch den Landkreis Harburg wurde das Museum nach der Jahrtausendwende in eine Stiftung überführt. Heute hat das Museum wiederum selbst zahlreiche Außenstellen. Über das ganze Jahr finden Pflanzenmärkte, Oldtimertreffen und verschiedene andere Veranstaltungen auf dem Gelände statt. Zu den jüngsten Ausstellungen zählt mit dem „Agrarium“ eine große landtechnische Sammlung und mit der „Königsberger Straße“ eine Darstellung der Lebensumstände der 1950er-Jahre, mit einem Schwerpunkt auf das Nachkriegsschicksal der geflohenen und vertriebenen deutschen Menschen.

Nach der Führung begeben wir uns zum Singen, Essen und Kaffeesieren in einen gemieteten Tanzsaal der Museumsbrennerei. Währenddessen und anschließend gibt es noch Raum und Zeit für einen guten Austausch und eigene Gänge über das Museumsgelände. Zuletzt beraten wir noch über mögliche Ziele für das kommende Treffen im Frühjahr; dann fährt ein jeder von uns am späten Nachmittag gut gestärkt, mit einem Gefühl von Dankbarkeit für den schönen Tag und für die tadellose Organisation wieder heim.

Traditionen in der modernen Welt – Semesterbericht des Sommersemesters 2024 der DHG Fidelitas-Karlstein

Traditionen in der modernen Welt
Bericht der DHG Fidelitas-Karlstein für das Sommersemester 2024

Das Sommersemester 2024 der DHG Fidelitas-Karlstein stand unter einem bedeutenden Leitthema: „Traditionen in der modernen Welt.“ Mit diesem Thema im Fokus wurde ein vielseitiges und inspirierendes Semester gestaltet, das es ermöglichte, Verbindungswerte und Traditionen auf eine zeitgemäße Art zu reflektieren und neu zu beleben.

Ein erfreulicher Auftakt: Zwei neue Burschen in unseren Reihen

Die neuen Burschen setzten sich in ihren Aufnahmevorträgen intensiv mit dem Semesterthema auseinander. Ihre Vorträge boten spannende Perspektiven, wie sich traditionelle Verbindungswerte wie Gemeinschaft, Bildung und Verantwortung in einer modernen Gesellschaft fortführen lassen, ohne ihre Authentizität zu verlieren.

Höhepunkte des Sommersemesters 24

  1. Frühjahreskonvent in Amsterdam: Stadt-Rallye durch die niederländische Metropole

Der traditionelle Frühjahreskonvent führte die Mitglieder der Fidelitas-Karlstein in diesem Jahr in die quirlige und facettenreiche Stadt Amsterdam. Neben den formellen Versammlungen stand eine aufregende Stadtrallye auf dem Programm, die den Teilnehmern die Möglichkeit gab, die kulturellen Schätze und historischen Sehenswürdigkeiten Amsterdams auf spielerische Weise zu erkunden.

  1. Weinwanderung in Darmstadt: Von der Rosenhöhe bis zur Mathildenhöhe

Um die nähere Umgebung Darmstadts besser kennenzulernen, organisierte die DHG Fidelitas-Karlstein eine Weinwanderung, die sich insbesondere auf die malerischen und kulturhistorisch bedeutsamen Gebiete der Stadt konzentrierte. Ziel dieser Wanderung war es, die Schönheit der Region zu genießen und die Verbundenheit zur Heimatstadt zu stärken.

Startpunkt war die idyllische Rosenhöhe, ein Landschaftspark mit majestätischen Bäumen, kunstvollen Rosengärten und historischen Grabanlagen. Von dort ging es weiter zur Mathildenhöhe, dem Herzstück des Darmstädter Jugendstils. Die Mathildenhöhe, mit ihrem bekannten Hochzeitsturm und den von Künstlern entworfenen Villen, bot den Teilnehmern nicht nur ein ästhetisches Erlebnis, sondern auch einen faszinierenden Rückblick in die Kunst- und Architekturgeschichte. Begleitet wurde die Wanderung von Verkostungen regionaler Weine, was das Ereignis zu einem genussvollen und geselligen Erlebnis machte und mit einer großen Grillparty endete.

  1. Gründungstagskneipe bei einer befreundeten Verbindung

Da wir leider temporär unseren Saal nicht nutzen können, haben wir in diesem Jahr die traditionelle Gründungstagskneipe bei einer befreundeten Verbinung feiern dürfen. In der festlichen Atmosphäre wurde nicht nur an die Geschichte der Fidelitas-Karlstein erinnert, sondern auch das Band der Freundschaft zwischen den Verbindungen gestärkt. Neben den traditionellen Ritualen gab es viele Gelegenheiten zum Austausch, wodurch die Kneipe ein Höhepunkt im sozialen Kalender der Verbindungsmitglieder darstellte.

  1. Intellektuell und inspirierend: Besuch des Hessischen Landesmuseums

Ein weiteres Highlight im Sommersemester war der gemeinsame Besuch des Hessischen Landesmuseums in Darmstadt. Das Museum, eines der ältesten und bedeutendsten Museen Hessens, bot den Mitgliedern der DHG Fidelitas-Karlstein eine reiche Auswahl an Ausstellungen, von Kunst über Archäologie bis hin zu Naturgeschichte. Besonders beeindruckend war die Kunstsammlung, die Werke vom Mittelalter bis zur Moderne umfasste.

  1. Interview mit einer Gründerin der Ursprungsverbindung

Den krönenden Abschluss des Sommersemesters 2024 bildete ein besonderes Highlight: Ein Interview mit einer Gründerin der Ursprungsverbindung der DHG Fidelitas-Karlstein. Dieses Interview wurde auf Video aufgezeichnet, um die Werte und die Geschichte der Verbindung für zukünftige Generationen zu sichern.

Die Gründerin, eine beeindruckende Persönlichkeit, gewährte tiefe Einblicke in die Entstehungsgeschichte der Verbindung, die eng mit der Flucht aus dem Sudetenland nach dem Zweiten Weltkrieg verknüpft ist. Sie schilderte eindrucksvoll die Herausforderungen dieser schweren Zeit und wie die damaligen Verbindungsmitglieder trotz der schwierigen Umstände ihre Werte von Zusammenhalt, Bildung und Tradition aufrechterhalten konnten.

Jenatag der DHG Trutzburg Jena zu Göttingen im Oktober 2024

Für ihren sogenannten Göttingentag, der regelmäßig am Tag der Deutschen Einheit stattfindet, hatte die Trutzburg Jena zu Göttingen 2024 wieder einmal nach Jena eingeladen, zumal unsere namensgebende Vorgängergilde Trutzburg Jena dort vor 101 Jahren gegründet wurde. Überraschend hoch war mit 27 die Zahl der Teilnehmer, und ohne kurzfristige krankheitsbedingte Absagen wären es noch zwei mehr gewesen. Die allermeisten fanden sich bereits am 2. Oktober in unserer Hauptunterkunft, dem traditionsreichen Gasthof „Schwarzer Bär“ ein, in dem unter anderem bereits Martin Luther, Johann Wolfgang von Goethe und Otto von Bismarck eingekehrt waren.

Als erster Programmpunkt war der Besuch des sogenannten Napoleonsteins auf dem Windknollen, einer Anhöhe auf dem Jena überragenden Landgrafenberg, vorgesehen. Dort legten die Gründungsburschen am 15. Mai 1923 erstmals ihr grün-gold-blaues Band an und riefen die Gilde Trutzburg Jena ins Leben. Das Unterfangen wäre beinahe gescheitert, da es so zu schütten anfing, dass eine Wanderung zum Napoleonstein nicht möglich erschien und Autos und ein Alternativprogramm organisiert werden mussten. Am Ende öffnete der kontaktierte Betreuer des „Museums 1806“ in Jena-Cospeda auf dem Landgrafenberg für unseren ursprünglich nicht vorgesehenen Besuch etwas länger.

Im kleinen „Museum 1806“, das vom Institut zur militärgeschichtlichen Forschung Jena 2006 e. V. betrieben wird und in dem mit Übersichten zu den Schlachtverläufen und zahlreichen Waffen, Uniformen und anderen historischen Ausrüstungsgegenständen die Doppelschlacht von Jena und Auerstedt am 14.Oktober 1806 dokumentiert wird, versorgte uns Frank kenntnisreich mit Hintergrundinformationen. Als wir das Museum verließen, hatte es überraschenderweise zu regnen aufgehört, und eine größere Gruppe von uns wagte doch noch den Weg zum Napoleonstein; angesichts des aufgeweichten Bodens und der Pfützen eine rutschige Angelegenheit.

An Ort und Stelle gab unser Historiker Ulrich an diesem Gründungsort einen kurzen Überblick über die Entstehungsgeschichte der Trutzburg Jena. Die zunächst etwas verwunderliche Tatsache, dass sich eine bereits damals patriotisch gesinnte Gilde ausgerechnet am Ort einer der schwersten Niederlagen der Preußen und Sachsen gegen die Franzosen unter Napoleon I. gründete, ist wohl damit zu erklären, dass die jungen, teilweise weltkriegserfahrenen Gildenschafter nach dem verlorenen 1. Weltkrieg und dem Diktatfrieden von Versailles ähnlich wie viele Deutsche nach 1806 wieder auf bessere Zeiten hofften. Auf dem Windknollen steht übrigens nicht mehr der ursprüngliche Stein. Der jetzige ist erst 1992 vom Verein Academica & Studentica Jenensia e. V. neu errichtet worden. Den Abend verbrachten wir bei gutem Essen, Getränken und Gesprächen im Hotel.

Am Donnerstagvormittag nahm uns ein Privatdozent am „Hanfried“, dem Denkmal des Gründervaters der Jenenser Universität, in Empfang. Er geleitete uns zum Collegium Jenense, Gründungsstätte und Zentralort der Friedrich-Schiller-Universität Jena und machte uns dort mit der alten Unigeschichte vertraut: Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen gründete 1547/1548 eine neue „Hohe Schule“, nachdem er im Schmalkaldischen Krieg mit der Kurwürde und großen Teilen seines Herrschaftsgebietes auch die Residenz- und Universitätsstadt Wittenberg verloren hatte. 1557 erhielt sie von Kaiser Ferdinand I. das Universitätsprivileg und wurde 1558 offiziell eingeweiht.

Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts erlebte die Alma Mater Jenensis ihre erste Blütezeit. Die Grundlagen dafür schuf Johann Wolfgang von Goethe als Weimarer Minister. Herausragende Literaten und Philosophen lehrten und studierten hier: Hegel, Fichte, Schelling, Schiller, die Gebrüder Schlegel, Novalis, Hölderlin und Brentano, um nur die wichtigsten Namen zu nennen. Jena war auch Gründungsort der gesamtdeutschen Burschenschaft am 12. Juni 1815 im Gasthaus „Grüne Tanne“, am Ende der „Befreiungskriege“ gegen Napoleon. Die Versammelten gelobten, für die „Freiheit und Selbständigkeit des Vaterlands“ einzustehen.

Von 1870 bis 1940 erlebten Jena und seine Universität eine zweite Blütezeit. Sie ist mit den Namen des Physik-Professors Ernst Abbe, des Universitätsmechanikers Carl Zeiß und des Glaschemikers Otto Schott verbunden. Der von ihnen ausgelöste technische Fortschritt sowie das visionäre Unternehmenskonzept der Zeiss-Stiftung – die Belegschaft wurde am Gewinn beteiligt – zog hochqualifizierte Arbeiter aus ganz Deutschland an. Die Einwohnerzahl stieg zwischen 1870 und 1914 um 150 Prozent an. Die außerordentlichen Gewinne flossen größtenteils in den Bau kultureller Einrichtungen der Stadt Jena.

Vom Collegium Jenense mit dem Kollegienhof und einer kleinen universitätsgeschichtlichen Ausstellung wechselten wir zum 1920 fertiggestellten Pädagogischen Institut und zur Zeitgeschichte der Universität. Dr. Gerber referierte zu den „Wendepunkten“ der Unigeschichte im 20. Jahrhundert: dem Übergang von der Monarchie zur Weimarer Republik 1918 bis 1920, von der Republik in den nationalsozialistischen Staat, der in Thüringen mit einer nationalsozialistischen Landesregierung bereits 1932 einsetzte, dem allmählichen Umbau in eine sozialistische Universität nach 1945 und schließlich der Friedlichen Revolution von 1989/90, die 1992 in eine Abwicklung und Wiedergründung mündete. Der Dozent nahm jeweils die Professorenschaft und die Studentenschaft in den Blick. Er verwies unter anderem auf die Beharrungskräfte gegen eine weltanschauliche Vereinnahmung in größeren Teilen der Professorenschaft sowohl nach 1932/33 als auch nach 1945 und illustrierte dies unter anderem an Universitätsjubiläen.

Zu Mittag speisten wir anschließend gemeinsam in der Pizzeria „L’Osteria“ direkt am neuen Wahrzeichen Jenas, dem sogenannten JenTower. Einige, die noch nicht abreisen mussten, schlossen sich danach einer eineinhalbstündigen Stadtführung an, die wiederum am Hanfried begann. Mit dem Denkmal verbindet sich ein Brauch für frisch promovierte Jenenser: Sie sind gehalten, einen Kranz über die Spitze des Schwertes des Hochschulgründers zu werfen; vergleichbar der Göttinger Sitte, dem Gänseliesel auf dem Marktbrunnen den Erfolg mit einem Kuss zu danken. Der Stadtführer setzte nach dem geballten Programm zur Universitätsgeschichte andere Schwerpunkte. Auf sehr unterhaltsame Art und Weise erläuterte er uns die Bedeutung der Kirchen und hervorzuhebenden alten Gebäude, von denen auch in Jena viele im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden.

Besonders in Erinnerung blieb die Geschichte des 1972 eingeweihten, bereits erwähnten JenTowers. Zwischen 1991 und 2004 renoviert, neu verkleidet und um zwei Geschosse und eine Turmspitze aufgestockt, ist er derzeit mit 159,60 m Höhe das höchste Bürogebäude Ostdeutschlands. Ursprünglich sollte das Gebäude als Forschungszentrum des Carl-Zeiss-Kombinates dienen, bis sich herausstellte, dass die höhenbedingten Schwankungen des Gebäudes sensible Forschungen nicht zuließen. Für den Turm wurden halbe Straßenzüge weggerissen, der dadurch entstandene große freie Platz wird derzeit überwiegend als Parkplatz genutzt. Hier soll nach einer entsprechenden Bevölkerungsumfrage in Zukunft mehr Wohnraum in weiteren modernen Gebäuden entstehen, sofern ausreichend finanzstarke Investoren gefunden werden.

Wer nicht noch ein, zwei Tage länger in Jena blieb, reiste nach der Stadtführung ab. Die zahlreichen positiven Rückmeldungen lassen sich so zusammenfassen, dass es trotz etwas widrigen Wetters zwei sehr informative Jubiläumstage waren, in denen auch der persönliche freundschaftliche Kontakt nicht zu kurz kam – und dass wir Trutzburger in gewissen Zeitabständen gerne wieder an den Ursprungsort unserer Gilde zurückkehren möchten.

Gildentag der AGÖ im September 2024

Als Wallfahrer im Wolfgang-Heiligtum
Bericht vom Gildentag der AGÖ, 28.-30. September 2024

An der schönsten Stelle des Salzburger Wolfgangsee-Ufers gelegen, erwartete unser Ferienhaus die Gildenbrüder und deren Gildenschwestern. Bei sonnigem, aber doch schon frischem Herbstwetter wurde in der herrlichen Umgebung am Sonnabendmorgen vorweg an die physische und mentale Gesundheit gedacht: Nach fakultativ erfrischendem Bad im noch immer recht angenehmen Wasser ging es am Seeufer entlang über Brunwinkel und Fürberg, auf dem alten Pilgersteig auf und über den Falkenstein (746 müA) mit Scheffel-Denkmal, Gschmah-Platzl und Wolfgang-Klause und hinunter und übers Ried nach St. Wolfgang.

Nach dem glücklichen Zusammentreffen aller Wanderer und Kursschiff-Fahrer am Landesteg St. Wolfgang wurde zuerst in der berühmten „Kaffeewerkstatt“ in einem Extra-Raum Rast gehalten. Nun folgte die erste spirituelle Herausforderung: Günther begann mit einer ausführlichen, aber kurzweiligen Vorbereitung der Wallfahrer auf das Wolfgang-Heiligtum: den St. Wolfganger Flügelaltar des Pustertaler Malers und Bildschnitzers Michael Pacher (1435-1498). Er kann als einer der vier schönsten und berühmtesten Schnitzaltäre des Abendlandes gelten – zusammen mit dem Altar in der Marienkirche von Krakau von Veit Stoß, dem Marienaltar in Creglingen bei Rothenburg von Tilman Riemenschneider und dem Kefermarkter Altar von (vermutlich) Meister Kriechbaum. Allzubald (nach fast zwei Stunden) musste Gildenkanzler Norbert die andächtig Lauschenden zum Aufbruch in die Kirche „stampern“ (mittelbairisch für: treiben).

In mystischem Helldunkel empfing uns das geschichtsträchtige Gotteshaus von St. Wolfgang am See. Der Altarschrein war geöffnet und beleuchtet und zum Staunen wunderbar und schön! Die Mesnerin führte gerade mit Mikrophon und Lautsprecher einer Gruppe Wallfahrer anschaulich vor, was Günther zuvor virtuell und mit vielen Hintergründen entworfen hatte.

Zurück im gemütlichen Haus, nach Konvent und Abendtafel – ein frugales Kunstwerk unserer „Schwestern“ – folgte:

Reinhard: Eselsbrücken zum Merken komplizierter und langer Zahlenreihen. So manch einer staunte über Reinhards Gedankengänge. Nur gut, dass er noch nicht auf die Quadratur oder die Kubikwurzeln von Eselsbrücken vorgestoßen ist – und nicht abgeprüft wurde!

Es folgte Norbert mit Caspar David Friedrich, zum 250. Geburtstag des Greifswalder Malers. Wir durften ihm sodann auf seiner Suche nach der blauen Blume des Wandervogels folgen. Ausgehend vom schwedisch-pommerschen Greifswald, vorbei an Kap Arkona und Brocken, Ludwig Richters sächsisches und böhmisches Elbsandsteingebirge, durch die vom Schmadribachfall aufsteigenden Nebel von Josef Anton Koch, mithineingerissen in den Hochzeitszug des Moritz von Schwind, Rudolf von Alts Blick vom Wiener Graben auf den Stephansturm, landete Norbert zuletzt in Spitzwegs Münchner armseliger Dachkammer und zu allerletzt vor der wunderschönen Bücherwand des Bücherwurms: Sinnbild akademischer Wissbegier

Nach dem erst feucht-fröhlichen Singen und einem feucht-fröstelnden Abendausschauen etwa beim Gang zur Dependance, stieg ein ebenso frischer wie sonniger Herbstsonntag herauf. Aus all dem Grün leuchtet dann die weiß- und goldockerfarbige Nadel des Gilgener Kirchturms heraus, während sich von den waldigen Hängen des Zwölferkogels noch blaugraue Schatten zurückziehen.

Nach der von Norbert gestalteten Morgenfeier nun der große Glücksfall für den Österreichischen Gildentag: Nach dem virusbedingten Ausfall des vorgesehenen fachkundigen Vortragenden zu einem Agrarthema, konnten wir mit unserem Gildenbruder Klaus aus Rosenheim jemanden finden, der das ähnlich wichtige Thema „Herz“ für uns alle eingehend und deutlich aufbereitete. Der Alterssumme seiner gebannten Zuhörer von etwa 1400 Lebensjahren wegen vorausschauend und auf die nahe oder nächste Zukunft ausgerichtet sprach er zu „Entwicklung und Perspektiven der Herzchirurgie“. Ganz locker entwickelte Klaus Gefahr und Gedeih, Vergehen und Rettung, Tod und Leben. Und dann die durchgereichte Sammlung von Herzklappen, die jeden Uhrmacher, Mechaniker, Maschinenbauer und überhaupt jeden Techniker fesseln musste!

Den Abschluss bildete wie jedes Jahr der Gang zur alten Marktschule von St. Gilgen, jetzt Kulturhaus mit einer Sammlung zur Zinkenbacher Malerkolonie. Die kleinen Sommerhäuschen, zumeist Dependancen zu großbürgerlichen Sommervillen, wurden in den 1920er Jahren zum Schauplatz einer alljährlich aufblühenden, unkonventionellen Künstlerkolonie: Drei begabte Wiener Mädel, die ihre Sommer mit ihren großbürgerlichen Eltern in Zinkenbach verbringen: Ihre Malerei, ihr Spielen mit Formen und Farben, das Erproben von Malweisen bildet eine erst verdrängte, später verlorene und vergessene Brücke zwischen Jugendstil-Moderne und zur abstrakten Malerei ab den 1960er Jahren. Die oft kleinen Werke machen den Werdegang zur zeitgenössischen Kunst verständlicher und sind gerade deshalb kunstgeschichtlich wichtig. Eine beachtliche und daher unterstützenswerte Initiative der kleinen Viertausend-Einwohner-Gemeinde St. Gilgen. Vermittler war wieder einmal mehr der langjährige Kustos, der nun seine Aufgaben an jüngere Kräfte übergeben wird.

„Wach und angespannt leben“ Neustart der Göttinger Junggilde

Unter diese Worte stellte die Junggilde der DHG Trutzburg Jena zu Göttingen ihr Programm für das Sommersemester 2024, das mit Gildenabenden zu Knut Hamsun, dem Ausbau der erneuerbaren Energien, Eckart-Abenden, der Teilnahme am Regionaltreffen Nord und einer Fahrt zur Burg Ludwigstein ein reiches Programm bot. Damit begann mit diesem Sommersemester eine neue Aktivitas im Göttinger Gildenheim mit dem studentischen Gildenleben…