65. Gildentag der DHG Trutzburg-Jena zu Göttingen: Wandervogel-Geschichten

Nach der Beschäftigung mit der großen deutschen Geschichte im letzten Jahr wollten wir diesen Gildentag gewissermaßen der Nabelschau widmen. Unter der Überschrift: „Der Wandervogel – von der Gründung 1901 bis zum Ende des 1. Weltkriegs“.

Von Beginn zeigte sich, dass die Entwicklung der Wandervogel-Bewegung alles andere als geradlinig verlief. „Wenn man die Quellen der Wandervogel-Geschichte sondiert, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass jeder, der in den Anfangsjahren aktiv dabei war, die Vorgänge anders erlebt hat,“ stellte der Gildenmeister bei der Eröffnung des Gildentags am Freitagabend fest. Das gilt bereits für die Herkunft des Namens „Wandervogel“: Hat sich der Wandervogel-Gründungsbursche Wolfgang Meyen von einem seiner Lieblingslieder (Otto Roquettes „Ihr Wandervögel in der Luft … Ein Wandervogel bin ich auch …“) oder von der „Branco-Grabplatte“ in Berlin-Dahlem („Wer hat euch Wandervögeln die Wissenschaft geschenkt …“) inspirieren lassen?

Beim sich anschließenden geselligen Abend ließen wir uns von derart akademischen Betrachtungen dann jedoch nicht irritieren, sondern sangen „unsere“ alten Lieder rauf und runter …

Den Samstag starteten wir mit einer Morgenfeier. Die nachfolgenden Referate wurden mit einem Liedvortrag eingeleitet. Der erste Referent brachte uns das Wesen des „Feldwandervogels“ näher: Die Mitglieder der verschiedenen Wandervogelbünde zeichneten sich durch körperliche und geistige Tüchtigkeit sowie Liebe zu Volk und Vaterland aus. Sie erwiesen sich als tapfer, ohne sich zum Soldatentum berufen zu wissen. Erstaunlicherweise sammelten sich unter dem informellen Dach des Feldwandervogels während des 1. Weltkriegs alle jugendbewegten Bünde.

Anschließend machte uns der zweite Referent mit der Ikonographie des Wandervogels vertraut: Die Flaggenfarbe „Grün-Rot-Gold“ ist demnach das älteste Wandervogelsymbol, wobei die Farbe Grün der Naturverbundenheit des Wandervogels geschuldet ist. Ein weiteres Symbol, der Greif, geht auf das Gemälde „Wundervögel“ von Hans Thoma zurück.

An das Mittagessen schloss sich der Gildenthing an, bevor wir zum üblichen Ausflug aufbrachen, an dem rund 40 Personen – darunter 9 Kinder (!) – teilnahmen. Die kleine Wehrdener Personenfähre benötigte zwei Anläufe, um uns alle auf die andere Weserseite zu bringen. Unter einem nahezu wolkenlosen Himmel umrundeten wir das Barockschloss Wehrden sowie seinen Landschaftspark und wanderten dann entlang der Weser zurück zu unserem Ausgangspunkt.

Das Abendessen ging über in unseren traditionellen Festabend. Weiße Tischdecken, Blumenschmuck und Kerzen verschafften den einfachen Esstischen der Jugendbildungsstätte einen Hauch von Eleganz. Besonders bereichert wurde der Abend durch die musikalischen Einlagen!

Im Mittelpunkt des Sonntagvormittags stand unsere Akademische Feierstunde. Zunächst gedachten wir der verstorbenen Gilden- bzw. Bundesgeschwister.

Es folgte ein fulminanter Vortrag zur Vorkriegsgeschichte des Wandervogels. Dabei wurde auf folgende drei Fragen fokussiert, auf die er nach eigener Aussage bislang keine Antworten gefunden habe: 1. Wieso war der Feldwandervogel so effektiv?, 2. Warum konnte sich die damalige Jugendbewegung nur im deutschsprachigen Raum etablieren?, 3. Wie konnte es gelingen, dass aus einer kleinen Schülergruppe innerhalb von nur rund 15 Jahren eine Bewegung mit ungefähr 25.000 Mitgliedern entstand?

Auf das abschließende Mittagessen folgte der Schlusskreis, mit dem wir einen gelungenen Gildentag beendeten.